Zu cool, um Christ zu sein…
Wiesenbach: Wie christlich ist die Jugend Ostbelgiens? Mit dieser Frage leitete Roland Gilson, Vorsitzender der Jung-CSP Eifel das niveauvolle Podiumsgespräch am Freitagabend im Saal Wisonbrona ein. Ist die ostbelgische Jugend noch religiös? Ganz unterschiedlich lauten die Antworten, wenn man junge Ostbelgier danach fragt, wie sie es denn mit der Religion halten.
Wie steht die Jugend heute zum christlichen Glauben?
Diese Frage ist schwerer denn je zu beantworten. Einerseits gibt es große Begeisterung bei Weltjugendtagen, andererseits besuchen wenig junge Menschen regelmäßig die Gottesdienste. Wie steht die Jugend zum Glauben? Eine schlüssige Antwort auf diese Frage hat auch der Gesprächsabend „Jung sein – Christ sein?“ in Wiesenbach nicht gefunden.
Der Diskussionsabend der Eifeler Jung-CSP, bei dem die Podiumsgäste Bischof Aloys Jousten, Gerd Brüls (KLJ), Emmanuel Vliegen (Chiro) und Fina Keifens (stellvertretende Direktorin der Maria-Goretti Schule St. Vith) miteinander ins Gespräch kamen und das von BRF-Journalist Olivier Krickel mit anregenden Fragen geleitet wurde, nahm seinen Ausgangspunkt in dem offenen Brief, den der Bischof im September des vergangenen Jahres an die Jugendlichen richtete. Die Absicht dieses Briefes sei gewesen, so der Bischof, die Jugendlichen spüren zu lassen, dass er sich für sie interessiere und sie ernst nehme. Auch wollte er sie mit diesem Schreiben dazu ermutigen, über ihr Leben nachzudenken: „Welche Richtung und welches Ziel will ich meinem Leben geben?“
Offener Brief
An Reaktionen auf diesen Brief seien etwa 100 Zuschriften und mehrere Echos von Schulklassen eingetroffen. Aloys Jousten bemerkte, dass die jungen Menschen seine Absicht verstanden hätten. Auch sei aus den Briefen erkennbar, dass viele Jugendliche sich mit dem Glauben schwer tun. Fina Keifens wusste zu berichten, dass viele Schüler/innen davon angetan gewesen seien, einen Brief vom Bischof zu erhalten. Wenn auch so manche Jugendliche dem Glauben und der Kirche kritisch gegenüber ständen, so seien doch viele von der Person Jesu beeindruckt.
Wenn auch die „KLJ“ das „K“ in ihrem Namen trage, „und das ist auch gut so“, so bemerkte Gerd Brüls, dass vor allem die christlichen Werte im Vordergrund ständen. In ihren Leiterschulungen finde dazu stets ein reger Gedankenaustausch statt. Emmanuel Vliegen bemerkte, dass viele junge Menschen ein Problem hätten, über Religion zu sprechen. „Ich habe aufgegeben, darüber zu reden“. Ihm sei es wichtiger, die Werte zu leben, anstatt darüber zu reden. „Es lohnt sich, sie zu leben“, so Vliegen, der bei den Jugendlichen eine Suche nach echten Werten feststellt, jedoch ohne Bezug zur Kirche oder Religion.
Bischof Jousten gab zu, dass die Kirche zwar ein Image-Problem habe, dass es im Grunde aber darum gehe, das Bereichernde im Glauben zu erkennen: „Es geht darum, den Reichtum des Evangeliums und die Beziehung zu Jesus Christus zu leben“. Der Bischof freue sich, wenn junge Menschen an Werte festhielten und auf der Suche nach „etwas“ seien. Hier sei es wichtig, dass sie von erwachsenen Christen begleitet würden. Bei der Suche nach Werten würden die Menschen irgendwann an Grenzen stoßen, die sie zu der Frage führen: „Lohnt es sich, sich für diese Werte einzusetzen?“ Hier sei ein Ansatzpunkt, den Glauben ins Gespräch zu bringen.
An sich selbst glauben
Moderator Olivier Krickel, der den Gesprächsabend mit Bravour leitete, bezog sich auf eine Studie, die danach fragte, woran Jugendliche heutzutage glauben. Aus dieser Untersuchung gehe hervor, dass Jugendliche vor allem „an sich selbst glauben“. Gerd Brüls meinte hierzu, dass sich nicht wenige Jugendliche bei ihrer Suche nach Lebensglück überfordert fühlten und es der KLJ ein wichtiges Anliegen sei, den jungen Menschen ein gesundes Selbstbewusstsein zu vermitteln: „Wir möchten in ihnen den Glauben an sich selbst stärken!“ Fina Keifens fügte hinzu, dass es eine Illusion sei, nur an sich selbst zu glauben. Die Jugendlichen, die vielfältigen Einflüssen ausgesetzt seien, spürten ihre Grenzen. Deshalb sei es wichtig, bei den Jugendlichen nach der Sehnsucht zu fragen. Bischof Jousten wies darauf hin, dass der Glaube an Jesus Christus dem Menschen Vertrauen schenken will. Es gehe nicht darum, den jungen Menschen von Außen etwas überzustülpen, sondern in ihnen etwas in Bewegung zu bringen: „Der Glaube an Jesus Christus beinhaltet den Glauben an mich selbst.“ Emmanuel Vliegen freute sich über diese Worte des Bischofs: „Leider hört man eine solche Botschaft viel zu selten.“
Der Moderator des Abends stellte mit Blick auf den neuen Papst Benedikt die Frage, ob sich die Kirche von der Jugend weiter weg begebe, woraufhin Bischof Jousten bemerkte, der neue Papst vermittle die Frohe Botschaft auf verständliche und einfache Weise. Neben allen Kritikpunkten an der Kirche komme es darauf an, zum Kern der Botschaft vorzudringen: „Es geht darum, das Evangelium zu leben und einander darin zu unterstützen“.
„...mit Werten allein ist es nicht getan.“ Weltjugendtreffen: Glauben oder Happening?
Auf die Frage nach dem Glaubens- oder Happening-Charakter der Weltjugendtreffen (WJT) angesprochen, bemerkte Gerd Brüls, dass er bei seinem Besuch in Köln sowohl das eine als auch das andere festgestellt habe. Die Kirche sei zwar begeistert, dass diese Treffen bei den Jugendlichen so viel Zuspruch gefunden hätten, aber deshalb schon von einer Wende in den Beziehungen zwischen Jugend und Kirche zu sprechen, sei doch gewagt. „Ich befürchte, dass die Weltjugendtreffen nur ein Strohfeuer sind“.
Emmanuel Vliegen ärgert es, dass die Kirche jetzt auch auf „events“ zurückgreife, um ihre Botschaft zu vermitteln. Fina Keifens stellte klar, dass die Jugendlichen nicht nur wegen des Papstes am Weltjugendtreffen teilgenommen hätten, sondern bereits in den Tagen, die diesem Treffen vorausgingen und der Vorbereitung dienten, eine wichtige Erfahrung von Kirche gemacht hätten: „Was vorher geschehen ist, war wichtiger als das Weltjugendtreffen an sich“. Das WJT sei sehr wohl eine wichtige Erfahrung von Kirche gewesen. Aloys Jousten, der an dem Treffen in Köln teilgenommen hatte und dieses als ein „großartiges Erlebnis“ erfahren hatte, unterstrich, dass das WJT sicherlich kein Strohfeuer gewesen sei, sondern eine wichtige Erfahrung, die die Jugend nachhaltig präge.
Wie aber nun die Jugendlichen an die Kirche heranführen? Auf diese Frage von Olivier Krickel meinte Bischof Jousten, dass es allein mit den Werten nicht getan sei: „Werte führen nicht unbedingt zur Religion“. „Wir brauchen viel Geduld und Mut im Umgang mit der Jugend“, so der Bischof, der die jungen Menschen in ihrer Suche ernst nehmen will. „Wir müssen die jungen Menschen Jugendliche sein lassen. Die Fragen werden kommen“.
Jugend hat Religion
Fina Keifens unterstrich, dass jeder Mensch sein Leben an etwas festmachen möchte und nach Orientierung suche: „Die Jugendlichen haben sehr wohl Religion in sich.“ Es gehe darum, mit den Jugendlichen einen Weg zu gehen und sie den Weg zu einem „erfüllten Leben“ entdecken zu lassen. Die jungen Menschen suchten nach einer Kraft und nach einer „Macht der Liebe“, die ihnen Orientierung gebe.
Emmanuel Vliegen bedauerte, dass es in den Gruppen an erwachsenen Ansprechpartnern fehle, die die jungen Menschen an „Fragen des Glaubens“ heranführen. Ehemals sei dies die Aufgabe des Jugendpräses oder Kaplans gewesen. Leider fehle dieser heute angesichts des Priestermangels. Diese Aufgabe müsse aber nicht unbedingt ein Priester ausüben, sondern könne auch von Laien übernommen werden. Aloys Jousten wies darauf hin, dass dies die Aufgabe eines „Pfarrassistenten“ sein könnte. Leider sehe der belgische Staat zurzeit keine Mittel für die Anstellung von Pfarrassistenten vor, weshalb man auf ehrenamtliche Mitarbeiter für diese Jugendarbeit zurückgreifen müsse.
Das „Gerüst der Institution“ überdenken
Die Kirche ist offener geworden
Im Anschluss an das Podiumsgespräch entzündete sich eine lebhafte Diskussion unter den etwa vierzig Teilnehmern an dem Gesprächsabend. So meinte eine Teilnehmerin, dass der Glaube heutzutage, auch in den Familien, vielfach kein Thema mehr sei. Ein anderer Teilnehmer bemerkte, dass die Priester zu sehr mit Verwaltungsarbeit überlastet seien und ihnen deshalb zu wenig Zeit für die Seelsorge übrig bleibe, woraufhin der Bischof einwendete, dass es vor allem eine Frage der „Prioritäten“ sei, und die Pfarrgemeinde zusammen mit dem Priester überlegen müsse, welche Aufgaben vorrangig einzustufen seien: „Das kann der Priester nicht allein entscheiden. Die Christen müssen dahinter stehen.“ Eine andere Frage behandelte die manchmal schwer verständliche Sprache der Predigten in den Gottesdiensten. Eine weitere Person sprach die dunklen Seiten in der Kirchengeschichte an. Die Kirche habe sich gewandelt, weil auch die Welt sich gewandelt habe. Die Kirche sei viel offener geworden. Die Institution sei nur das Gerüst, das mit Leben ausgefüllt werden müsse. Dem Bischof gehe es darum, wie der Glaube an Jesus Christus für den Menschen eine Bereicherung sein kann. „Dazu brauche ich auch die anderen, die Gemeinschaft“. Darin bestehe die Aufgabe der Kirche, die wesentlich zum Christsein gehöre und ein „Zeichen in der Welt von heute sein muss“.
Eine Frage aus dem Publikum an den Bischof, wie er die Kirche gerne in dreißig Jahren sehe würde, beschied Aloys Jousten damit, dass es darum gehe, den Sprung zu wagen und gemeinsam zu versuchen, als Christ zu leben. Kritik an der Kirche ließe den Menschen nur Außen vor. Nur abwarten, bis die Kirche sich verändert habe, sei keine Lösung, woraufhin eine Zuschauerin einwendete, dass die Kritik sehr wohl „von Innen“ komme, d.h. von Menschen, die sich in der Kirche engagieren. Fina Keifens, die einen Wandel in der Kirche festzustellen glaubt, meinte, das „Gerüst der Institution“ müsse überdacht werden.
Noch bis in die späten Abendstunden diskutierten die Teilnehmer unter sich und mit den Podiumsmitgliedern. Bischof Jousten freute sich sichtlich wegen des anregenden Gesprächs und meinte: „Ich kehre jedenfalls froh nach Lüttich zurück“.


